Von der Ölung und Dackel Waldi

Illustration: Rebekka Heeb

«Der Herr sei mit euch!» – das kleine, hutzlige Männchen in seinem teerschwarzen Rock und mit der sonnenbrand­roten Halbglatze schaute so treu wie Dackel Waldi, wenn er ein Rädchen vom Salami will.

Innocent: «Wer zum Teufel ist diese rostige Beisszange?» Ich lege genervt den Zeige­finger auf die Lippen: «Psssst – das ist Padre Gabriele, der Insel-­Seelsorger der Armen und Alten. Er hat die besten Beziehungen nach oben. ALSO REISS DICH GEFÄLLIGST ZUSAMMEN!»

Innocent grummelt wie selbiger Dackel Waldi, wenn man ihm die Wurst wegpackt: «Was heisst nach oben? OBEN SIND IN DIESEM LAND DER HIMMEL UND DIE MAFIA!»

«PSSSST!» – zische ich wieder. Diesmal mit mehr Phon. Denn Innocent brüllt seine Welt­ansichten des Schweizer Landeis punkto Italien so laut heraus, als müsse er für die Nachbarinseln die Wetterprognosen durchgeben.

«ICH LASSE MIR AUF MEINEM LAND UND GUT NICHT DAS MAUL VERBIETEN!» – nun tritt er über alle Ufer. Es reicht heute schon eine kleine Bemerkung, und Innocent tost wie das Meer bei Sturmwind. Früher war er lammfromm. Aber seit ihm der Arzt die dritte Flasche Rotwein auf die «OUT»-Tagesliste gesetzt hat, ist er reizbar. Und stinkig.

Das Pfarrmännchen huschelt über den Kies in unsere Richtung. Elegant hält es sein Röckchen halbhoch – so wie Tante Annetrude, wenn sie die Treppen zum Opernhaus hochschritt. Einmal ­vergass Annetrude die Hochhaltung. Sie sah ihre Erzrivalin, die Literatin Frau Doktor Doktor ­Wonnemacher, im selben teuren Premierenkleid, wie sie es in der Boutique «Larifari» erstanden hatte. Es war ein MODELLSTÜCK. Als solches klar gekennzeichnet. Und der Preis hätte weiss Gott noch eine persönliche Signatur von Balenciaga gerechtfertigt. DOCH NUN STÖCKELTE DIESE SCHLAMPE IM SELBEN FUMMEL AN!

Annetrude schaute entsetzt auf Frau Doktor Doktor. Dann an sich ­selber runter. Ihr Herz raste: KEIN ZWEIFEL – ZWEIMAL DASSELBE MODELLSTÜCK! In ihrer Rage ­vergass Annetrude das Heben des Rocks. Sie trat wuchtig auf den Saum. Wankte – so wie dieser ­englische Butler in der ­Silvestersendung. Und stürzte alle Stufen bis zur Abendkasse runter. Jede Hilfe kam zu spät. Annetrude hatte sich eine ­tödliche Fraktur zugezogen. Exit. In Nullkommanichts war ihr Ehemann «Witwer August». «Und die lustige Witwe» musste ohne ­Annetrude anfangen.

Für Frau Doktor Doktor Wonnemacher war der Schicksalsschlag, der über unsere Familie herein (oder eben: die Treppe runter) stürzte, natürlich ein immenser Glücksfall. Wonnemacher trug jetzt wirklich ein EINZELSTÜCK.

Doch erst der Tod von Annetrude hatte ­diesen horrenden Modellpreis gerechtfertigt. Und weil die Wonnemacher als Literaturtante Beziehungen zu den zähnefletschenden Anti-Kapital-Hunden im TV-«Kassensturz» hatte, gab sie denen einen brandheissen Tipp. Diese brachten die Geschichte poppig-happig aufgemacht an einem Montagabend – und da habe ich sie auch her (denn das vom Modellkleid habe ich nicht gewusst – der «KASSENSTURZ» hat besser recherchiert als der Neffe der gestürzten Tante!).

So weit. So dramatisch. Kommen wir aber bei unserm Padre auf den Punkt: Er zupft mit einem zackigen Ruck an Innocents Olivenbäumen die grünen Kügelchen raus – ähnlich wie Tante Irmi die Zecken bei erwähntem Dackelhund Waldi. Schliesslich also das sonnige Wurst­lächeln (siehe Anfang): «Der Herr sei mit euch…»

«…ZIEH LEINE, BEI GOTT!», ging Innocent schon mal auf hundert. Padre Gabriele lächelte, als hätte er Innocents Giftgallen­ausbruch nicht gehört (später merkte ich, dass er wirklich nichts mitbekommen hatte. Denn in seinen Ohren steckten Wattekugeln, der Himmel weiss, weshalb).

«Wir suchen das Oleum ­benedictum – ihr guten Kinder!» Es ist ja wohl etwas arg gesäuselt, zwei fett­bäuchige Männer im Durchschnittsalter von 75 Jahren als «ihr guten Kinder» zu apostrophieren.

«WAS WILL ER?» – hupt Innocent nun wieder.

«ER WILL DEIN ÖL – FÜR DIE LETZTE SALBUNG!»

«ER SOLL ZUM TEUFEL GEHEN. ICH BIN NOCH NICHT SO WEIT!» – Innocent nimmt alles sehr persönlich. Ich schraube meine Stimme phontechnisch wieder etwas hoch: «Er braucht unser Öl für die Ölungen. Du weisst doch: Kranke und Halbtote werden durch die letzte Ölung geheilt. Oder zumindest macht die Kranken­salbung, dass sie kerngesund und ohne Makel vor dem Himmelstor erscheinen.»

«Wie bitte?»

«JAKOBUS 5, 14–15.»

«Und was – bitte sehr! – hat das mit meinen Oliven zu tun!»

MANCHMAL IST ER WIRKLICH NAIV. ER WERKELT TÄGLICH SECHS STUNDEN AN ­SEINEM SUDOKU HERUM. ABER VOM LEBEN DER NÄCHSTEN UMGEBUNG: NULL AHNUNG! ABER NULL – SAG ICH EUCH.

«Es gehört sich, dass jeder Olivenbauer hier etwa zehn Liter des Öls an die Kirche abgibt.»

Innocent japst nach Luft: «DAMIT KÖNNEN DIE JA TAUSEND OCHSEN BRATEN! Ein Liter Öl reicht für die Salbung von Hunderten. So stark wird hier nicht gestorben. Die Lebenserwartung liegt bei 98,3 – und die Jüngeren sind eh schon längst nach Deutschland ausgewandert …»

Nun knübelt Padre Gabriele die Watte­knöllchen aus den haarigen Ohren: «Che cosa ha detto?»

Ich blinzle ihm zu: «Tutto paletti, Padre! Sobald wir die Oliven in die Mühle gebracht haben, bringen wir zehn Liter in die Kirche…»

Gabriele spendet uns strahlend seinen Segen. Dann Röckchen hoch. Und ab übers Kies. Innocent ist immer noch muff: «Das ist schlimmer als bei der Mafia …», knurrt er. Ich bringe ihm ein Gläslein vom alten Grappa. Und die Sonne tut sich auf.

Zwei Wochen später will ich Gabriele das ­frische Öl bringen. «Schon gebracht!», winkt ­Innocent ab. Ich höre in meinem Kopf tausend Alarmsirenen jaulen …

«WAS GEBRACHT? DAS ÖL IST DOCH ERST SEIT EINER STUNDE HIER!» Innocent schaut unschuldig wie Dackel Waldi, wenn er sich den Schinken vom Tisch geschnappt hat: «Im Keller stand doch dieses rostige Blechkanister voll mit Öl …» Alle, die nicht sündenrein vor dem ­goldenen Tor angekommen und von Padre Gabriel mit unserm alten Pommes-frites-Öl gesalbt worden sind, mögen dem Sünder vergeben.

Dienstag, 17. November 2015