Vom toten Onkel Sepp und dem Hochmut...

Illustration: Rebekka Heeb

Er hatte sich die Pulsadern mit seinem Rasiermesser aufgeschnitten. Und welcher Bub verzichtet schon auf eine Horrorgeschichte, wenn sie ihm live vor die Kniesocken fällt.

«Du nimmst das Kind nicht mit, Hans!» - das war die Mutter. «Der Bub muss früh lernen, was das Leben bringt nämlich auch den Tod, Lotti!» - «NUR ÜBER MEINE LEICHE!», stellte sich Mutter vor ihren Alten. «Dann wären es ja bereits zwei », grinste der.

Die Schwiegermutter, die eben ihren einzigen Bruder verloren hatte, nickte heftig mit dem Kopf, sodass die Haarnadeln wie Schrot herumflogen: «Hochmut kommt vor den Fall »

Onkel Sepp wurde mir immer als mieses Beispiel serviert. «Der Kleine kommt ganz nach Sepp », zischelte die schlangenzüngige Omama, wenn ich mein Sackgeld in fünf Minuten am Kiosk verpulvert hatte. Und sofort einen Vorschuss verlangte.

Sie erzählte immer wieder, wie Sepp die Zigarren mit Geldnoten angezündet habe. Und der Omama, als diese finanziell mies dastand, eine Handvoll Fünfliber vor die Füsse geschmissen habe: «Da, nimm - du Bettlerin!» Das hat ihm die Omama nie vergessen.

Ich auch nicht. Für eine einzige dieser silbernen Tell-Scheiben gab es hundert Cola-Frösche! ABER HALLO! Und was tat die Omama? Sie bückte sich nicht für Geld. Sie war zu stolz. Und - so fand ich - zu blöd. Unsereins hätte sich schon für zehn Centimes gebückt!

NUN WAR ES ALSO AUS MIT ONKEL SEPP. EXITUS!

Die Polizei hatte ihn in der Wetterhütte des Malojapasses gefunden. Es war Winter. Es war kalt. Und so lag er einige Tage ganz natürlich auf Eis - wie die Leichen bei Alberich im «Tatort» Münster.

Jemand sollte meinen Grossonkel identifizieren. Die vornehme Seite der Meyers - mit Ypsilon - weigerte sich: «Wir wollen mit diesem Hallodri nichts zu tun haben. NULL!» Und alle im Chor: «Hochmut kommt vor dem Fall!» Also blieb es an meinem Vater hängen. Wenn einer die Jungfrau bei zehn Grad minus besteigt, kann er auch einer gefrorenen Leiche in die kalten Augen schauen!

Natürlich wollte ich mit. Weniger wegen des toten Sepp, vielmehr wegen seines Coiffeurkoffers, den ich einmal bestaunen durfte. Sepp war Figaro der Upperclass gewesen. Er hatte während seiner Pariser Zeit Fernandel gefärbt. Und im Krieg dem Schweizer General den Schnauzer gestutzt.

Obwohl keiner in unserer Familie ein gutes Haar an Sepp liess, hat dieser die Haare seiner Umwelt perfekt gepflegt.

Er war es auch, der Yul Brynner die erste Glatze polierte. Das war in Möriken-Wildegg. In dieser Gemeinde hatte Yul schweizerisches Heimatrecht, obwohl - und das darf man heute ja nicht mehr sagen - seine Wurzeln im russischen Wladiwostok wucherten. Jedenfalls ging Yul nach Hollywood. Er spielte in «Der König und ich». Und weil er da etwas Besonderes darstellen wollte, liess er sich von Grossonkel Sepp kahl scheren.

MEIN GOTT, WAR DAS EIN GETUE UM EIN PAAR GEFALLENE HAARE.

Sepp sammelte sie einzeln ein. Und trug sie als Beweisstück immer in seinem Figaroköfferchen. Das einzige Mal, als ich Sepp in Fleisch und Blut sah, zeigte er mir die Haarsträhnen. Die interessierten mich einen Dreck.

ABER DER KOFFER WAR VOLL MIT GOLDENEN PARFUMZERSTÄUBERN, SCHILDPATT-KÄMMEN UND DUFTENDEN KRISTALLKARÄFFCHEN.

«Schenkst du mir den Koffer?» «Geht nicht - damit macht dein Onkel Sepp sein Geld - Bubi!» Er warf einen Fünfliber hoch. Und ich schnappte gierig danach. Es waren, wie gesagt, hundert Cola-Frösche, die da in die Luft gingen.

So blöd wie Omama war ich nicht - Onkel Sepp hätte mich auch «du gierige kleine Tucke» nennen können. Ich hätte ihm dennoch seine begnadeten Figaro-Finger geküsst.

UND JETZT ALSO TOT IN MALOJA!

Sepp hatte sein ganzes Vermögen verprasst: Frauen Koks und Luxusappartements. Gut. Die kosteten damals noch nicht ganz so viel wie heute - aber jetzt haben wir auch höhere Energiepreise!

Ich wollte also zur Leiche. Eigentlich mehr: zum Köfferchen. Meine Mutter hätte sich fast vor den Zug geworfen: «Der Bub bekommt einen Schaden, Hans!» - «Den hat er schon!»

Die Polizei holte uns ab. Und gab gleich den Tarif durch. «Das Kind kommt nicht mit!» - «Ohne Kind keine Aussage von mir!» - «Es wird danach ein Trauma haben!» - «Füttern Sie ihn mit drei Zuckererdbeeren. Und das Trauma ist weg!»

SO HABE ICH ALSO ONKEL SEPP GESEHEN. ER LAG AUSGESTRECKT AUF EINER ECKBANK. UND STIERTE ZUR HOLZDECKE, WO EINE SPINNE SPANN.

«Wo ist der Koffer?!», quäkte ich. Der Polizist schaute mich streng an: «Es gibt keinen Koffer - du Schlaumeier! Die Leiche hatte nur ein Taschentuch mit sich. Darin eingeknüpft waren 50 Centimes!»

Zu Hause hat meine Omama das Taschentuch studiert: «Nicht mal handrouliert HOCHMUT KOMMT VOR DEM FALL!» Das 50-Rappen-Stück hatte Vater mir bereits im Zug zugesteckt: «Du warst grossartig, Bubi - ein wahrer Mann!»

PS: Die Haare von Yul Brynner waren übrigens auch unauffindbar. HAARIGE GESCHICHTE, DAS!

Illustration: Rebekka Heeb

Montag, 9. Mai 2022